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Introvertiert und hochsensibel – Die etwas andere Innenwelt

Introvertiert und hochsensibel – Die etwas andere Innenwelt

Introvertiert und hochsensibel - Die etwas andere Innenwelt - Ute Kranz

Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich schon in meiner Jugend darüber aufgeklärt worden wäre, dass ich ein paar Persönlichkeitsmerkmale habe, die anders sind als bei etwa 80% aller anderen – ich mir darüber aber keine Sorgen machen müsse? Nun, ich hätte mich über viele Jahre nicht ständig in Frage gestellt, mich nicht regelmäßig für diverse Eigenschaften verurteilt und somit wäre mein Leben wahrscheinlich wesentlich entspannter verlaufen… Besser spät als nie erfuhr ich davon aber erst vor ein paar Jahren:

»Ich verstehe nicht, warum ich im Büro immer so gestresst bin – selbst, wenn dort überhaupt nichts los ist!«, schilderte ich der Coachin bei meiner ersten Sitzung in ihrer Praxis in einem Köln-Ehrenfelder Hinterhof. Im fünfzehnten anstrengenden Berufsjahr war neben diversen psychosomatischen Beschwerden langsam die Sorge aufgekommen, in einen Burnout zu rutschen, und die Therapeutin sollte hier Gewissheit schaffen.

Nach einigen Fragen zu meinem Tagesablauf, meinen Gewohnheiten und anderen für sie relevanten Faktoren fragte sie mich, ob ich schon einmal etwas von Hochsensibilität gehört hätte. Ich verneinte. Sie erklärte mir, dass ich Geräusche und vieles andere um mich herum wesentlich intensiver wahrnehmen würde und sowohl mein Sinnesapparat als auch mein Gehirn dadurch eine riesige Menge an Daten verarbeiten müsse.

Etwa 15-20 % der Menschen gelten als hochsensibel.

»Selbst positive Ereignisse wie Partys oder längere Gespräche mit Freunden können Müdigkeit und einen deutlichen Energieverlust zur Folge haben«, erklärte sie. Und damit hatten meine Probleme – ständig überstrapaziert und gestresst zu sein – ein Gesicht bekommen. Damit war klar, warum mich im Büro das dauernde Tür- und Telefonklingeln nervte, das Schlagen von Türen oder das klimpernde Ausräumen der Spülmaschine (- um nur einige der unzähligen störenden Geräusche zu nennen).

Diagnose “Hochsensibel” – Und jetzt?

Zurück im Büro kannte ich nun zwar die Ursache für meine Überstimulierung, aber das Problem ließ sich hier nicht lösen. Schließlich konnte ich mir jetzt nicht einfach Ohropax in die Ohren stecken und Kund:innen und Kolleg:innen woanders hinschicken. Durch das Coaching zeichnete sich relativ schnell ab, dass die einzige Lösung in einer zeitlichen Reduktion der bislang ausgedehnten Arbeitszeit war – oder ein radikaler Jobwechsel. Ich entschied mich für beides, in kleinen Schritten.

Hochsensibilität bezeichnet eine außerordentliche Empfindlichkeit des Nervensystems auf äußere Einflüsse, die besonders schnell zu Reizüberflutung führt, aber auch ein besonderes Einfühlungsvermögen mit sich bringen kann.

– Sylvia Löhken, Expertin für intro- und extrovertierte Kommunikation

Nachdem ich die Arbeitszeit verringert hatte, gründete ich in meiner Freizeit einen Reiseblog. Nach etwas mehr als einem Jahr kündigte ich dann meinen Job und stieg Mitte 2014 für eine Weile aus der Arbeitswelt aus und ging ein Jahr auf Weltreise. Rückblickend kann ich gar nicht mehr nachvollziehen, wie mein Körper damals diesen unfassbaren Stress über all die Jahre bewältigen konnte. Und es wundert mich nicht, dass ich selbst ein paar Jahre später mit einem entspannten Lebensstil feststellen musste, dass ich mich immer noch nicht vollständig erholt fühlte.

Der Eindruck “anders” zu sein als andere

Das Wissen über meine höhere Sensitivität in vielen Bereichen empfand ich als sehr erleichternd. Ab diesem Zeitpunkt fiel es leichter, mein starkes und häufiges Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug zu akzeptieren und mich nicht mehr dafür zu verurteilen. Ich war also nicht weniger leistungsfähig, sondern meine persönlichen Grenzen und Fähigkeiten waren einfach nur andere. Es war sozusagen eine Umverteilung meiner Vorstellungen über das, was ich bisher als “normal” betrachtet hatte.

Demnach sind meine Energiereserven in manchen Bereichen vielleicht nicht so ausgeprägt wie bei anderen, dafür nehme ich aber möglicherweise manche Dinge oder Gefühle intensiver wahr als andere. Früher hatte ich allerdings beides völlig unterdrückt, weil dafür in meinem sich rasant drehenden Hamsterrad weder Zeit noch Raum vorhanden war. Nach meinem Ausstieg und dem sich daraus ergebenden, bewussteren Lebensstil habe ich dann der Hochsensibilität nach und nach mehr Raum gegeben – auch, wenn’s nicht immer leicht fiel.

»Es geht Ihnen als Hochsensible am besten, wenn Sie von einem gewissen Maß an Ruhe, Ordnung, Sauberkeit und Schönheit umgeben sind.«

– Susanne Moeberg, Pädagogin und Autorin über Hochsensibilität

Wie bitte – Ich und introvertiert?

In den vergangenen Jahren fielen mir dann noch einige andere Wesenszüge an mir auf, die mich an mir störten oder nervten – und die ich gerne “loswerden” wollte. Wie es der Zufall manchmal so will, stieß ich auf das Hörbuch meines Reiseblogger-Kollegen Patrick Hundt, der sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Introvertiertheit beschäftigt – unter anderem mit seinem beliebten Forum introvertiert.org.

Bislang hatte mich das Thema nie interessiert, denn das, was ich unter “introvertiert” verstand, brachte ich bislang nie mit mir in Verbindung. Ich sollte eines Besseren belehrt werden, wie auch weitere Literatur dazu bestätigte. Die Ausprägung der verschiedenen Eigenschaften kann bei jedem/jeder Introvertierten variieren. Patrick hat zum Beispiel 92 Eigenschaften festgestellt und in drei Kategorien unterteilt: positiv assoziiert, negativ assoziiert, neutral bewertet und gefühlt.

Etwa 25% der Menschen gelten als introvertiert.

Die Eigenschaften, die mich in meinem Alltag oft belasten (mich andererseits teilweise aber auch irgendwie auszeichnen), wären im Einzelnen diese hier:

Mein persönlicher Fluch und Segen dieses Andersseins

  • Abgrenzung: Eine wirklich tolle Fähigkeit ist es, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. Wenn ich zum Beispiel Texte schreibe, kann ich währenddessen die Resonanz darauf oft schon vorhersehen. Das hilft mir ungemein dabei, die passende Wortwahl für den gewünschten Effekt zu wählen. Die Schattenseite: In Gesprächen oder Situationen kann ich schnell in die Gefühlslage des anderen rutschen und das ist oft alles andere als wünschenswert. Gleiches gilt für Auseinandersetzungen, Streit oder Konfrontationen. Über das Gesagte grüble ich oft lange und kann mich im Anschluss daran meist nur schwer davon abgrenzen und loslösen.
  • Alleinsein: Meinen Reiseblog hatte ich mit meinem Faible für das Alleinreisen begonnen und antwortete seither auf die Frage, ob ich mich denn nicht manchmal einsam fühlen würde, stets mit einem überzeugten “Nein, ich bin total gern alleine!”. Obwohl das der Realität entsprach, fragte ich mich trotzdem immer, ob das eigentlich normal und vor allen Dingen auch gut für mich sei. Denn ein Bedürfnis nach Gemeinschaft habe ich natürlich auch und hier die Balance zwischen Rückzug und Gesellschaft zu finden ist gar nicht so einfach. Fakt ist aber: Introvertierte sind in der Regel sehr gern alleine, zumindest für eine Weile!
  • Autonomie: Früher hätte ich das als Freiheitsdrang bezeichnet; heute weiß ich, dass mir meine Individualität wahnsinnig wichtig ist. Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen angestellt zu sein, sondern liebe es, mich in meiner ganz eigenen Art auszudrücken und mitzuteilen. Der Wunsch nach Selbstständigkeit bedeutet aber natürlich im Umkehrschluss, sich ständig selbst antreiben zu müssen und mögliche Existenzängste in nicht so erfolgreichen Monaten in Kauf zu nehmen.
  • Freundeskreis: Eine große Anzahl an Freunden würde mich kopfmäßig völlig überfordern. Es hätte zu viele regelmäßige Treffen, Telefonate und Chats zur Folge und da ich verbindliche Beziehungen schätze, müsste ich mir von zu vielen Menschen zu viel merken. Daher habe ich lieber einige wenige, gute Freundschaften als eine Menge oberflächliche. Abgesehen vom Partner mag ich meist auch keine zu engen Freundschaften eingehen und schätze daher verbindliche, verlässliche Freundschaften mit einer gewissen Distanz.
  • Grübeln: Alles, aber auch wirklich alles wird immer und immer wieder durchdacht und steht ständig auf dem Prüfstand. Es ist unfassbar anstrengend, die Dinge nicht einfach mal so sein lassen zu können wie sie sind, sondern sie ständig zu hinterfragen und nach Gründen oder Lösungen zu suchen. Das Gedankenkarussell – bei dem sich zwei Stimmen namens “Pro” und “Contra” ständig zu streiten scheinen – ist nur schwer abstellbar und stellt eine enorme Belastung dar, da das Gehirn keine Pause zu kennen scheint. Selbst meine Träume sind oft hoch kompliziert und anspruchsvoll. Die starke Kopflastigkeit macht es außerdem schwieriger, aufs Herz zu hören und intuitive oder spontane Entscheidungen zu treffen.
  • Harmonie: Mit Streit, lauten Auseinandersetzungen und cholerischen oder sehr dominanten Menschen komme ich überhaupt nicht klar und das war unter anderem einer der Gründe, warum ich mich für die Ausbildung zur Trainerin für gewaltfreie Kommunikation entschieden habe. Durch dieses Training wurden meine Konversationen leichter und wo es nicht funktioniert, distanziere ich mich inzwischen zeitnah und konsequent. Ein weiteres Problem bei dem großen Bedürfnis an Harmonie ist, dass man oft versuchen wird, es dem Anderen Recht zu machen, wodurch man unter Umständen seine Komfortzone verlässt – was sich nicht gut anfühlt.
  • Menschenmengen: Mein größter Horror sind viele Menschen auf einem Fleck. Hektisches Gewusel und Fremde, die sehr dicht in meiner Nähe stehen, lösen großes Unbehagen in mir aus. Heute wundert es mich nicht mehr, dass ich auf die Frage, welche Reiseziele ich am liebsten mag, mit “Wüsten” geantwortet habe. Dort ist es still, visuell ansprechend und Hektik meilenweit entfernt.
  • Öffentlichkeit: Eine unglückliche Schwachstelle, denn bei meinem Beruf müsste ich eigentlich regelmäßig und häufig Fotos von mir posten, einen aktiven Youtube-Kanal haben und sonstiges Entertainment vor der Kamera betreiben. Aber Fehlanzeige. Trotz Coachings und allen nur erdenklichen Versuchen bleibe ich kamerascheu, was sehr von Nachteil für meine Arbeit und Präsenz in der Öffentlichkeit ist. Ich stehe weder gern im Mittelpunkt noch im Rampenlicht und ob sich das noch ändern wird, ist fraglich. Aber ich arbeite weiter daran.
  • Offenheit: Wenn ich manche Bloggerin oder Instagramerin sehe, die sich nackt auf ihren Social Media Kanälen präsentiert, bin ich davon so weit entfernt wie die Sonne vom Mond. Wenngleich ich online manches Privates über mich preisgebe, wird es immer eine klare Grenze zu einem privaten Bereich geben, der keine Öffentlichkeit erfährt. Das gilt auch für den privaten Bereich: wenn mir jemand zu viele persönliche Fragen stellt, gehe ich meist recht schnell auf Distanz. Und bei neuen Kontakten dauert es ziemlich lange, bis ich mehr über mich preisgebe.
  • Ordnung und Struktur: Am Wohlsten fühle ich mich, wenn Dinge und Pläne gut strukturiert sind und einen roten Faden haben. Dann muss ich nichts in Frage stellen oder über die Gründe für die veränderte Situation nachdenken. Chaos und Unerledigtes ist für mich schwer zu ertragen und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass ich selbst gar nicht so ordentlich bin (wie ich es gern wäre). Somit hadere ich ständig zwischen dem Ärger über Unordnung und dem Druck bzw. schlechten Gewissen, Ordnung zu schaffen.
  • Perfektion: Sie hat zwar ihre guten Seiten und sorgt für eine hohe Qualität, aber sie lähmt mich massiv in vielen Bereichen. Manches bleibt erstmal liegen und schlummert wochenlang, bis der “richtige” Zeitpunkt gekommen ist. Und für die meisten Projekte oder Artikel brauche ich überdurchschnittlich viel Zeit und das kann dann für schlechte Laune und Selbstverurteilung sorgen.
  • Selbstkritik: Dieser innere Kritiker im Kopf ist laut. Sehr laut. Zusammen mit der Perfektion wird hier ein ständiger Kampf ausgetragen und die eigene Leistung permanent bewertet. Zu langsam, zu wenig aussagekräftig, zu… was auch immer. Das drückt sehr auf das Selbstwertgefühl, weil man im Prinzip die ganze Zeit ein Wettrennen gegen sich selbst läuft, das man eigentlich nie gewinnen kann.
  • Smalltalk: Belanglose Gespräche machen mir wenig Freude und fällt mir bei neuen Kontakten oder in den sozialen Kanälen oft schwer. Sie ergeben für mich keinen Sinn und da kann es durchaus mal passieren, dass mich jemand für arrogant oder komisch hält, wenn ich mich zum Beispiel von Gesprächsgruppen am Stehtisch distanziere und lieber eine Runde um den Block laufe.
  • Spontanität: Wenn ich nicht alles erstmal gut und mehrfach überdenken kann, sieht’s schlecht aus mit der Spontanität. Daher war ich zum Beispiel noch nie geeignet für Partnerbörsen und auch zu Events oder Messen kann ich mich oft nur schwer aufraffen. Spontan auf fremde Menschen zugehen oder Kontakte knüpfen gehört daher nicht wirklich zu meinen Stärken. Anders ist es hingegen bei Freund:innen oder Bekannten, wo ich vertrauensvoll offen und spontan sein kann.
  • Übersprunghandlungen: Im Beruf und im Alltag gilt es Prioritäten zu setzen und am liebsten würde ich sowieso alles gleichzeitig und natürlich perfekt erledigen. Das Wissen, Unerledigtes im Nacken zu haben, ist sehr unangenehm für mich. Und obwohl ich genau weiß, was wichtig ist und was nicht, mache ich oft zuerst genau das Unwichtigste von allem. Das ist oftmals ein Selbstschutz, wenn z. B. das Wichtigste auf dem Programm etwas Öffentliches ist, wo ich im Vorfeld erstmal ausgiebig über die mögliche Resonanz nachdenken muss. Dann zögere ich es hinaus, bis ich mich endlich dazu überwinden kann. Ein unglücklicher Kreislauf, denn das wiederum sorgt natürlich wieder für Druck und Stress, weil im Hintergrund ja dieser riesige Gedankenapparat am Werk ist.
  • Unruhe: Diese vielen zu verarbeitenden Eindrücke und Gedanken, die kein Wochenende und keinen Ruhetag kennen, strengen wahnsinnig an. Gerade größere Entscheidungen können zudem sehr belastend sein, da sie stets bis in kleinste Detail abgewogen und von allen Seiten beleuchtet werden, und da findet sich selten einfach ein klares Ja oder Nein.

Klingt ganz schön anstrengend, oder? – Und diese Punkte sind noch längst nicht alle Veranlagungen. Viele davon werden übrigens sowohl der Hochsensibilität als auch der Introvertiertheit zugeordnet. Dennoch ist nicht jede:r Hochsensible:r gleichzeitig auch introvertiert und umgekehrt. Obwohl relativ viele hochsensible Personen gleichzeitig auch introvertiert sind, gehören lt. der Psychologin Dr. Elaine Aron etwa 30% zur extrovertierten Seite.

Als introvertiert gelten zum Beispiel folgende Persönlichkeiten: Angela Merkel, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Albert Einstein.

Veränderungen sind möglich!

Wie gerne würde ich öfter das Gedankenkarussell abstellen, mit mehr Leichtigkeit und Offenheit durch’s Leben gehen und Menschen auf einer großen Bühne oder vor der Kamera mitreißen – aber man kann eben nicht alles haben. Vieles lässt sich dennoch wesentlich verbessern, wenn man sich seiner Introvertiertheit und Hochsensibilität bewusst ist. In meinem Fall gehören dazu für mich unter anderem folgende Punkte:

Bereits deutlich verbessert hat sich:

  • Offenheit: Je mehr ich andere – wie auch zum Beispiel den Autor Patrick Hundt – erlebe, die sich Schritt für Schritt öffentlich zu ihren Eigenarten bekennen, umso leichter fällt mir der Schritt. Anhand des Feedbacks von Lesern merke ich auch, dass es anderen gut tut, wenn sie hören, dass andere ähnliche Probleme oder Themen haben. Und je mehr wir daran arbeiten, über Tabuthemen zu sprechen, umso schneller werden sie zur Normalität.
  • Öffentlichkeit: Während mir bei meinem ersten Vortrag vor zwanzig Personen noch die Luft bei den ersten Sätzen wegblieb, kann ich heute relativ entspannt auch vor zweihundert Leuten auf einer Bühne sitzen. Sich in kleinen Schritten zu steigern hilft dabei, aus Unsicherheit Normalität werden zu lassen.

Was noch an Veränderung ansteht:

  • Reduktion der Überstimulierung: Trotz meiner deutlich reduzierten, täglichen Arbeitszeit, einem entspannten Tagesablauf und ruhigem Arbeiten im kleinen Büro bleiben meine größten Themen ein starkes Getriebensein und die Geräuschbelästigung durch Straßen- und Flugverkehr. Beides äußert sich durch Verspannungen und zum Beispiel rote, müde Augen. Daher werde ich auf jeden Fall von der Großstadt Köln, wo ich fast rund um die Uhr von Geräuschen der Autobahn “verfolgt” werde, aufs Land oder zumindest in ruhigere Gefilde ziehen (müssen). Gegen das Getriebensein helfen wahrscheinlich noch mehr Struktur und klare Tagesabläufe.

Das Gute bei allen erfolgreich umgesetzten Veränderungen ist, dass sich die anderen Persönlichkeits-Aspekte meist positiv mitverändern. Also wenn ich mehr Ruhe habe, verbessert sich gleichzeitig der Druck, perfekt und schnell sein zu müssen. Und je mehr Ordnung und Struktur ich habe, umso weniger selbstkritisch bin ich usw. Das Wichtigste ist allerdings grundsätzlich, mit dem Wissen über die eigene Hochsensibilität und Introvertiertheit wesentlich sanfter und verständnisvoller mit sich umzugehen.

Die besonderen Eigenschaften lieben lernen

Zu guter Letzt möchte ich die herausragenden Eigenschaften hervorheben, die ich durch die Bücher und Hörbücher sehr zu schätzen gelernt habe:

  • Detailverliebtheit! Ich bin sehr aufmerksam und eine gute Beobachterin, wodurch es mir möglich ist, manche Dinge besser zu beschreiben oder auszudrücken.
  • Hohe Empathie! Es ist toll, Stimmungen schnell wahrnehmen und entsprechend damit umgehen zu können. Auch sehr tiefe Gefühle zu empfinden ist eine besondere Erfahrung. Oft schreiben mir Leser:innen, dass ich Ihnen aus der Seele schreibe und ein schöneres Kompliment kann man mir nicht machen.
  • Wissbegierde! Ich möchte nicht nur mich selbst so gut wie möglich ergründen, sondern ich bin auch vielseitig interessiert, lese viel und auch in meiner Arbeit ist es mir wichtig, einen umfassenden, gut recherchierten Beitrag mit Hand und Fuß zu leisten.
  • Strukturliebe! Ein ganz hervorragendes Werkzeug ist die Fähigkeit, Dinge einzusortieren. Dadurch kann ich sehr gut analysieren oder es fällt mir auch leicht, zum Beispiel auf eine vegane Lebensweise umzusteigen, weil ich mir nur die Summe an Fakten vor Augen führen muss und dann voller Überzeugung und ohne Widerspruch die Entscheidung treffen kann – ohne danach Sehnsüchte oder Zweifel zu haben.
  • Fantasie! Bedingt durch die Tatsache, dass meine Gedanken ständig um alles Mögliche kreisen, kommen auch regelmäßig neue, gute Ideen ans Tageslicht. Besonders in ruhigen Orten ohne Ablenkung und digitale Geräte um mich herum kann diese Eigenschaft richtig glänzen!

Nicht zuletzt neigen Hochsensible dazu, Themen sehr ausschweifend zu behandeln und daher schließe ich diesen Artikel jetzt mal mit einem Schmunzeln ab. Warum habe ich diesen Artikel überhaupt geschrieben? Weil ich es wahnsinnig wichtig finde, dass wir als “Betroffene” mit den positiven und negativen Eigenschaften umzugehen lernen und auch andere Menschen besser wissen, warum manche Menschen wie Introvertierte und/oder Hochsensible manchmal eben einfach ein wenig anders sind als die meisten anderen.

Gute Bücher über Hochsensibilität und Introvertiertheit

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Kommentare (6)
  • Ein so toller Beitrag ich dem ich mich in sehr vielen Punkten wiederfinde. Durch eine Kollegin bin ich vor einem knappen Jahr auf das Thema aufmerksam geworden und bin noch ganz am Anfang, aber die Erleichterung nicht die einzige zu sein, die „so komisch drauf ist“ wird mit jedem Artikel wie diesem größer. Ich habe meiner Familie auch schon mal einen Text über Hochsensibilität weitergeleitet mit dem Hinweis: „so fühle ich mich übrigens fast immer“ und das hat ihnen auch geholfen zu verstehen, warum ich mich so verhalte wie ich es tue. Am schwierigsten finde ich es auch zu entscheiden (…) woran ich arbeiten kann und möchte und welche Dinge ich einfach annehme und ich mich mit ihnen arrangiere

  • Hey Ute, “perfekt” auf den Punkt geschrieben. In vielen Aspekten habe ich mich 1:1 wiedererkannt. Solange ich mein introvertiertes und hochsensibles Ego mit Liebe annehme, ist es für mich eher ein Segen als ein Fluch “so” zu sein. Ich drücke die Daumen, dass die Suche nach Deinem Ruhepunkt bald erfolgreich ist. Liebe Grüße Volker

  • Liebe Ute,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel! Ich bin ebenfalls introvertiert und hochsensibel, der Text hätte 100% von mir sein können. Oder, um in deinen Worten zu sprechen, “du sprichst mir aus der Seele” 🙂
    Ich finde es wirklich klasse, dass du das Thema ansprichst, nach meiner Erfahrung ist Hochsensibilität noch nicht sehr bekannt bzw. viele denken da gleich an “irgendwie komisch” oder oft kommt sofort der Hinweis “ja, ich bin auch sehr sensibel”. Aber darunter verbirgt sich ja viel mehr.
    Ich kann nahezu jeden Punkt nachvollziehen. Bei mir ist die Geräuschemfindlichkeit das größte Problem (wir hatten über IG dazu gestern schon geschrieben). Ich finde das eine große Herausforderung, damit umzugehen, denn es gibt wenige wirklich ruhige Fleckchen auf der Erde. Ich trage mittlerweile sehr häufig zu Hause Kopfhörer, die zumindest ein wenig Lärm von draußen wegfiltern. Mich auf Balkon oder Terrasse zu setzen, geht dank lauter Nachbarn überhaupt nicht. Unterwegs habe ich immer Ohrstöpsel dabei. Leider ist es nicht möglich, alle Geräusche wegzufiltern, vor allem bei Stimmen ist das schwer.
    Eine Herausforderung ist auch das Thema Arbeit. Ich hatte das Glück, lange Zeit in einem Job zu arbeiten, wo es gut gepasst hat, danach leider 2 x überhaupt nicht, weil entweder der Chef nicht passte oder ich in meiner Art einfach nicht ins Team. Langfristig funktioniert das dann einfach nicht. Heute bin ich auch selbstständig, und da ich auch meine Freiheit und Autonomie liebe, bringt das einige Vorteile. Leider auch Nachteile, die permanante finanzielle Unsicherheit und Existenzängste stressen mich sehr, die schlampige Zahlungsmoral einiger Kunden macht mir mit meinem extrem hohen Sinn für Gerechtigkeit und Korrektheit zu schaffen, und das Thema “Öffentlichkeitsarbeit” ist bei mir auch so ein Punkt.. ich müsste mich Kunden gegenüber viel besser verkaufen, viel mehr Eigenwerbung machen, viel fetter auftragen… aber all das ist mir zuwider. Ich finde übrigens, dass dein Auftreten nach außen schon ziemlich gut und professionell ist:-) Deine Ängste bei Vorträgen kann ich total nachvollziehen. Ich habe letztes Jahr einen Auftrag gehabt, bei dem ich Führungen auf einer Messe machen musste. Ich habe Wochen vorher nicht geschlafen und dachte, ich schaffe es nicht. Die Sache war mit viel Stress verbunden, aber es ist wirklich auch Übungssache, am 3. Tag war es schon viel besser.
    Wie du schon sagst wäre es hilfreich, wenn man als HSP mit einer “Gebrauchsanweisung” geboren würde. Ich habe auch erst vor ca. 10 Jahren herausgefunden, warum ich so anders bin, als ich das Buch “Zart besaitet” gelesen habe, was ich sehr empfehlen kann. Das Buch von Patrick gefällt mir auch sehr gut.
    Ich kann nur jedem Hochsensiblen raten, sein Leben so gut es geht nach seinen Bedürfnissen auszurichten, auch wenn sie so anders sind, als die der meisten anderen Menschen. Alles andere macht auf Dauer krank, wie ich leider selbst feststellen musste.
    Ich wünsche dir alles, alles Gute und freue mich, wenn du das Thema ab und zu wieder aufgreifst.
    Herzliche Grüße
    Leonie

  • Liebe Ute
    Vielen Dank für deinen schönen Beitrag, der sich wie ein Blick in den Spiegel liest. Seit ich weiss, dass ich hochsensibel bin, stehe ich viel mehr für meine Bedürfnisse ein und verstehe besser, weshalb ich teilweise so durch den Wind bin; auch im Rückblick auf meine Kindheit, denn auch dort hat sich mein sensibles Gleichgewicht schon geäussert. Für viele war ich einfach seltsam und extrem launisch.
    Mittlerweile nehme ich mir den Raum, den ich für mich brauche. Ich habe meine Präsenz im Büro auf ein nötiges Minimum reduziert. So habe ich genügend Freiraum für Dinge, die mir gut tun. Das verstehen die meisten um mich rundum, wenn auch nicht alle. In der Zwischenzeit ist mir das allerdings egal.

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