Kommentieren ohne zu verletzen – So geht’s

Kommentieren ohne zu verletzen

– So geht’s!

Kommentieren ohne zu verletzen - Ute Kranz

Der Ton im Internet ist rauer geworden. Verurteilungen und Abwertungen haben sich besonders in den sozialen Netzwerken zum ernüchternden Alltag entwickelt. Oft sind es sogenannte Trolle, die mit anonymen Fake-Accounts andere beleidigen – für ihr Aussehen, für Ihre Herkunft, für Ihren Einsatz für Frauen, Tiere, Umwelt oder benachteiligte Menschen jeglicher Art.

Aber auch bei uns kann sich die Stimmung schnell erhitzen, wenn wir uns auf den Schlips getreten fühlen – und auch hier werden viele gleich sehr persönlich und abwertend. Mich macht das oft betroffen, weil bei der Mehrzahl dieser Kommentare überhaupt nicht darauf geachtet wird, wie das Geschriebene beim anderen ankommt. Meist ist es sehr verletzend.

Warum überhaupt Groll und Hass?

Anders gefragt: Stell dir vor, du bist gerade voller Glücksgefühle und könntest die Welt umarmen. Würde es dir in dieser erfüllten Situation einfallen, irgendeinen anderen Menschen anzugehen? Wahrscheinlich nicht. Und stell dir vor, du würdest vor Selbstsicherheit strotzen… könnte dich ein verbaler Angriff dann in irgendeiner Weise tangieren? Nein, wahrscheinlich würde es dich kalt lassen.

Was ich damit sagen möchte: Die negativen Gefühle, die uns zum Angriff oder Gegenangriff veranlassen, schlummern bereits in uns. Die gute Nachricht dabei ist, dass wir es selbst in der Hand haben, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Muss ich mit denselben Waffen zurückschlagen wie mein “Angreifer”? Nein. Kann ich mein Unbehagen auch sachlich anbringen, ohne den anderen damit eventuell zu verletzen? Aber klar!

Sobald man erst einmal verstanden hat, dass verbale Gewalt immer mit der jeweiligen Person verknüpft ist, wird vieles in der Kommunikation leichter. Wir lösen etwas aus – der andere reagiert. Oder jemand anderes löst etwas in uns aus – und wir reagieren darauf. Mit etwas Übung kann man daher über Kommentare viel z. B. über Bildung, Emotionalität und Empathie der betreffenden Person erfahren.

Was sagen Hass-Kommentare über jemanden aus?

Wenn jemand anonym mit falschem Namen und Profilbild ohne Gesicht im Internet unterwegs ist, steckt in erster Linie Angst dahinter: Angst vor rechtlichen Konsequenzen, wenn sie andere beleidigen oder diffamieren. Mittlerweile gibt es sogar Gruppierungen im Internet, die ihren Hass gemeinsam und gezielt an öffentliche Personen, Minderheiten oder Politiker richten (⌲ Böhmermann klärt auf).

Besonders beliebte Ziele der überwiegend männlichen Kommentatoren sind Feministinnen, Aktivist*innen, Journalist*innen und natürlich alle, die sich für Umwelt-, Tier- und Klimaschutz oder Flüchtlinge und Integration einsetzen. Auch diese Themen haben alle wiederum etwas mit Angst zu tun: der Angst vor Veränderung. Anstatt sich positiv für etwas auszusprechen oder sogar zu engagieren, gehen sie den destruktiven Weg.

Eigentlich sollte diese Art von Trollen gar nicht der Rede wert sein, denn ängstliche, phlegmatische Menschen, die sich anonym hinter ihren PCs und Handys verstecken, sollten uns bzw. unsere Gesellschaft nicht tangieren, wenn es da nicht ein großes Aber gäbe: sie können Medien und Algorithmen durch ihre organisierten Kampagnen mittels Likes, Dislikes und Hashtags verändern.

Eine große Anzahl bestimmter Meinungen unter einem Beitrag kann dem Leser vermitteln, dass eine große Mehrheit so denkt und das ist eine gefährliche Entwicklung in vielerlei Hinsicht (AfD, Klimaleugner usw.). Daher wollte ich das Thema hier bewusst einmal aufgreifen, denn wenn man sich dieser Tatsache bewusst ist, kann man vermeintliche “Trends” schnell entlarven.

Traurig, aber wahr: Beleidungen werden auf Twitter toleriert.

Wie persönlich darf mein Kommentar werden?

Hier möchte ich gleich mit einem Satz aufwarten, der eigentlich Gesetz sein müsste »Niemand hat das Recht, einen anderen Menschen zu bewerten, zu verurteilen oder zu beleidigen.« Kommentare mit persönlichen, abwertenden Anmaßungen über das Aussehen oder Verhalten eines anderen sind massive verbale Gewalt und auch das sollten wir diesen Menschen unbedingt vermitteln.

Die Frage ist dabei auch, was man damit eigentlich erreichen möchte. Wie in meinem Artikel »Wie du Neid zu deinem Freund machen kannst« beschrieben, spielt sich hier oft der soziale Abwärtsvergleich ab: Geht’s dir schlecht, geht’s mir besser. Den meisten ist überhaupt nicht bewusst, dass sie andere mit ihren Kommentaren tief verletzen.

Denn was man wissen muss: Etwa 20% der Bevölkerung gelten als hochsensibel und/oder introvertiert und eine vermutlich noch viel höhere Prozentzahl hat ein geringes Selbstwertgefühl. Gerade viele Künstler sind sehr sensitiv und feinfühlig und nicht selten kommt es vor, dass sich die eine oder der andere nach einer gewissen Zeit von den sozialen Medien verabschiedet, weil sie die Hasstiraden nicht länger ertragen wollen.

In Diskussionen z. B. in Facebook-Gruppen habe ich als Administratorin des Öfteren von Mitgliedern die Frage gestellt bekommen, warum man denn offenbar problemlos etwas Nettes schreiben könne, aber nichts Negatives. Die Antwort ist einfach: Weil etwas Nettes nicht verletzt! Und weil das Negative in den meisten Fällen schlichtweg nicht sachlich war.

Vor dem Absenden: Was hat mein Kommentar mit mir zu tun?

In einer Zeit, die gerade unglaublich viel Wandel mit sich bringt – oder besser gesagt bringen muss, kochen in vielen Themenbereichen die Emotionen hoch. Klimawandel, Naturkatastrophen, Massentierhaltung, Insektensterben, Plastikmüll, Gleichberechtigung und viele weitere Themen stehen tagtäglich zur Diskussion und da sie alle einen starken Einfluss auf unser Leben haben, wirken sie sich auch auf unsere Gefühlswelt aus.

Nachdem ich mich 2017 für eine vegane Lebensweise entschieden habe, habe ich mich zum Beispiel mit meiner geballten Ladung an Wut, Trauer und Verzweiflung an vielen Stellen im Internet in Diskussionen verstrickt, weil ich andere entsprechend aufklären und überzeugen wollte. Im Rückblick war dies allerdings nicht sinnvoll, weil es meine seinerzeit negative Emotionslage noch verstärkt hat. Hier ein informatives Video zu diesem Thema mit der Psychologin Dr. Melanie Joy.

Wenn ich mich nun frage, was meine Kommentare diesbezüglich mit mir zu tun hatten: Ich wollte etwas Gutes tun und zu Veränderung beitragen. Und ich wollte meine extremen Gefühle irgendwo anbringen. Besser wäre hier Selbstfürsorge gewesen, um das sog. Sekundärtrauma nach all den grauenhaften Bildern über das gesamte Tierleid ggf. mit professioneller Hilfe besser verarbeiten zu können. Im Anschluss daran hätte ich – wie dann auch geschehen – sachliche und informative Artikel darüber schreiben können. Das hilft anderen und mir wesentlich mehr.

Bevor du also einen Kommentar schreibst, der Kritik beinhalten sollte, frage dich nach dem “Warum?”. Was möchtest du damit bezwecken? Welches Bedürfnis und welches Gefühl steckt dahinter? Und was macht der Kommentar mit dir, wenn du ihn abschickst? Suchst du den Kontakt oder sogar die Auseinandersetzung? Wenn du ehrlich zu dir bist und merkst, dass du eher sticheln willst, überdenke, ob du den Beitrag wirklich absenden möchtest.

Wie kann ich Kritik sachlich und stilvoll anbringen?

Wenn es nach der gewaltfreien Kommunikation (GfK) geht, gehören bereits ungebetene Ratschläge zu verbaler Gewalt, weil sie kein Bedürfnis des anderen erfüllen. Also was darf ich dann eigentlich noch schreiben, wenn ich mich kritisch einbringen möchte? Hier sind meine Tipps:

  • Persönliche Abwertungen sind absolut tabu! Du möchtest sicher auch nicht hören, dass dich jemand fett, hässlich oder unangenehm findet; daher sollte das auch für dich gelten. Erfahrene Blogger, Instagramer und Youtuber würden dich ohnehin als bedauernswerten Troll einstufen – und der möchtest du sicher nicht sein.
  • Bleibe auf Augenhöhe! Du hast das sichere Gefühl, es besser zu wissen als der andere? Dann ist das vollkommen okay, aber lasse es ihn/sie nicht spüren. Auch du empfindest es sicher als unangenehm, wenn ein Klugscheißer sich über deine Meinung stellt.
  • Vermeide das Vorwurfs-“Du”! Sätze mit einem Du enthalten meist Bewertungen, die wir am besten ganz aus unserer Kommunikation streichen sollten. Ein »Du machst das nicht gut.« ist zum Beispiel deine persönliche Bewertung, die aber mit der Realität nichts zu tun haben muss. Sätze mit einem Du werden oft als Vorwurf gewertet, was nicht Ziel der Kritik sein sollte.
  • Beschreibe, was es mit DIR macht! Was hat der Beitrag, der Artikel, der Post oder das Bild in DIR ausgelöst? Hat es dich traurig gemacht? Bist du besorgt? Oder vielleicht erschrocken, weil du damit nicht gerechnet hättest? Mit dieser Beschreibung gibst du dem anderen die Möglichkeit zu sehen, was der Beitrag bewirkt hat. Du machst damit keine Vorwürfe und bleibst damit friedlich.
  • Vermeide Enttäuschungs-Floskeln! Bedenke – niemand im Word Wide Web muss deine persönlichen Erwartungen erfüllen. Sätze wie »Schade, dass du…« oder »Traurig, dass du…« enthalten Vorwürfe für Dinge, auf die du keinerlei Anspruch hast.
  • Glänze mit Optimismus! Wenn du mit etwas nicht einverstanden bist, schreibe nicht über das Problem, sondern über die Lösung, z. B. »Wie wäre es, wenn man es so oder so handhaben würde? Ich habe das in einem Artikel in der Zeitschrift X gelesen.«
  • Stelle Fragen! Ein hervorragendes Mittel, um eine Diskussion auf Augenhöhe aufzubauen. Statt etwas zu bewerten, kannst du (ohne indirekte Vorwürfe einzubauen) fragen, wie sie/er es mit dem Thema X hält, wie sie/er dazu steht, wie er/sie es handhabt usw. Das bringt die Person automatisch dazu, Stellung zu beziehen, sich ggf. zu informieren und bestenfalls etwas am Verhalten zu ändern – sofern gewünscht.
  • Glänze mit fachlichen Informationen! Uuuh, in den Medien wird wahnsinnig viel Mist verzapft, der natürlich auch immer weitergetragen wird. Passt dir eine Information nicht, ist es perfekt, wenn du höflich auf eine fachliche Quelle hinweist, die das Thema sehr gut umfasst.
  • Keep your heart open! Nicht einfach, denn manchmal kann man jemanden einfach nicht leiden, aber das ist noch lange kein Grund, ihn persönlich zu beschimpfen, zu bewerten oder zu verletzen. Wenn wir etwas schreiben, sollten wir das auf positive bzw. konstruktive Art und Weise tun. Vielleicht hilft auch die Frage, wie man es selbst fände, wenn man genau diesen Kommentar bekäme.
  • Jeder Jeck ist anders! … sagt man zumindest in Köln und da ist viel Wahres dran. Wir sollten wieder lernen, jeden so sein zu lassen wie er ist. Das ist doch genau das, was uns ausmacht – Individualität. Wenn dir jemand nicht passt, gehe auf “Unfollow” und lasse die Person so sein, wie sie ist.

Solltest du den dringenden Wunsch haben, eine andere Person persönlich anzugehen (was sicher fast jedem mal passieren wird), betreibe unbedingt Selbstfürsorge! Warum hegst du Wut oder Ärger gegen diese Person? Bedenke: Genau das Thema hat etwas mit dir zu tun und bringt dich damit in deiner persönlichen Entwicklung weiter.

Wie kann ich auf einen Kommentar reagieren?

Wenn uns jemand verbal angreift oder einen unserer berühmten roten Knöpfe drückt, können wir uns schnell im Ton vergreifen. Erfahrungsgemäß ist das allerdings meist nie zielführend. Meine liebsten Favoriten sind daher:

  • Gar nicht reagieren! Wenn ich die Person nicht kenne und außerdem absehbar ist, dass eine Diskussion auf Augenhöhe keinen Sinn macht, spare ich mir die Zeit. Es gibt Menschen, die Freude an Streit und Diskussion haben – da ich das nicht teilen kann, belasse ich es dabei.
  • Don’t feed the troll! In den sozialen Medien sollte man meiner Meinung nach auf Hasskommentare am besten gar nicht eingehen. Wenn es einen stört, sollte man nicht auf den Troll eingehen (viele fühlen sich dadurch unabhängig vom Inhalt bestätigt oder motiviert), sondern der Person, die diffamiert wird, einen sehr positiven Kommentar und Zuspruch zukommen lassen.
  • Mit fachlichen Argumenten kontern! Während ich früher Kommentare von meinem Blog gelöscht habe, die mich persönlich betreffen, nutze ich sie heute für eine Richtigstellung der Situation. Menschen, die sich verbal nicht im Griff haben, sind am Ende immer die Verlierer.
  • Ergänzende Informationen beisteuern! Da wir irgendwie ja alle miteinander verbunden sind und uns den Planeten teilen, sollten wir das Miteinander nicht aus den Augen verlieren. Wenn wir zu einem Post oder Artikel noch etwas Informatives beizutragen haben, macht das absolut Sinn. Es ist wertfrei und bietet anderen Lesern noch einen gewissen Mehrwert. Win-Win!

Warum soll ich überhaupt kommentieren?

Weil Austausch, Verbindung und Aufklärung in unserer Gesellschaft total wichtig sind! Ich habe durch gute Kommentare schon wahnsinnig viel gelernt, weil sie zum Beispiel andere Perspektiven aufzeigen (alles hat bekanntlich immer zwei Seiten) oder spezielles Wissen in Form von Links oder Quellen vermitteln. Auch mir haben schon viele Kommentare auf meinen Blogs sehr geholfen, um mich bzw. meine Außenwirkung zu verbessern. Wo deine Beiträge hilfreich sein können:

  • In Diskussionen in den sozialen Medien kannst du hilfreiche Links oder Quellen posten.
  • Wenn jemand in den sozialen Medien beleidigt wird, kannst du der Person einen positiven Kommentar hinterlassen. Lass’ den Troll bzw. Hater hingegen links liegen – sie sind in der Regel nicht an Informationen interessiert.
  • Wenn du zum Beispiel in Bezug auf die Umwelt etwas verbessern möchtest, stelle Fragen. Zum Beispiel ob er/sie schonmal umweltfreundlichere Produkte ohne Plastik ausprobiert hat, weil dich das interessieren würde. Oder ob er/sie seinen/ihren Langstreckenflug kompensiert hat, weil dir das persönlich wichtig wäre. Das enthält keinen Vorwurf, sondern regt die Person zum Nach- oder Überdenken an.
  • Was Unternehmen angeht, kannst du auch etwas bewirken. Poste ein Bild auf deren Facebook-Kanal, wenn dir etwas nicht passt (z. B. zu viel Plastikverpackung oder ähnliches). Firmen sind sehr an einer positiven Außenwirkung interessiert und hier kannst du mit deinem Beitrag Einfluss nehmen.

Eine andere und – wie ich finde – sehr originelle Form von öffentlichem Kommentar sind beispielsweise die Stellungnahmen von Niko Rittenau auf Youtube: Wenn eine öffentliche Person im Internet meinungsbildende, abwertende Äußerungen zu veganer Ernährung betreibt, widerlegt er diese im Detail auf sachliche und höfliche Weise anhand wissenschaftlicher Belege. Hier sehr eindrucksvoll zu sehen in seinem Video zu Sarah Wiener. Davon müsste es in verschiedenen Bereichen viel mehr geben!

 

Also packen wir’s an! Ach ja, und noch etwas Wissenswertes: Möchtest du deine*n Lieblings-Blogger*in unterstützen? Dann kannst du das super mit einem Kommentar tun. Die Aktivität eines Blogs oder sozialen Kanals wie Instagram wird unter anderem an Kommentaren bzw. der Interaktion gemessen und darin kannst du jemanden mit ein paar Klicks wertvoll helfen. Muss nicht immer der ausgefeilteste Text sein, aber über Positives wie Konstruktives freut sich jeder <3

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